Achtsamkeit im Alltag: Wach werden für den Augenblick

Kennst du diese Tage, an denen du abends im Bett liegst und merkst, dass der Tag nur so vorbeigeflogen ist? Vielleicht stellst du dann etwas bestürzt fest, wie viele Dinge du nebenbei und wie selbstverständlich erledigt hast, ohne wirklich bei ihnen gewesen zu sein. Ich kenne solche Tage.

Wir funktionieren, erledigen Aufgaben, führen Gespräche, fahren von einem Ort zum anderen – und sind mit unseren Gedanken doch häufig schon beim Nächsten. Vieles geschieht im Autopiloten.

Achtsamkeit lädt uns dazu ein, diesen Autopiloten immer wieder für einen Moment zu verlassen und wahrzunehmen, was gerade tatsächlich geschieht.

„Wenn wir die Wirklichkeit unseres Lebens erfassen wollen, solange wir es leben, müssen wir für unsere Augenblicke wach werden. Andernfalls könnten ganze Tage – ja, ein ganzes Leben – unbemerkt, ungelebt und unbewusst an uns vorüberziehen.“

Jon Kabat-Zinn

Achtsamkeit verändert die Art und Weise, wie wir aufmerksam sind. Und damit kann sich auch verändern, wie wir die Welt, andere Menschen und uns selbst erleben.

Wenn wir die Welt vor allem mit dem Kopf erleben

Ein kleines Kind nimmt die Welt noch sehr unmittelbar wahr. Vieles, was es erlebt, ist eine Entdeckung. Es begegnet seiner Umgebung neugierig und offen, schaut, hört, berührt und staunt.

Als Erwachsene nehmen wir die Welt häufig anders wahr. Vieles ist uns längst bekannt. Wir sehen oder hören etwas und unser Verstand weiß sofort, was es ist. Wir ordnen ein, bewerten, vergleichen und verknüpfen das Erlebte mit Erinnerungen und Geschichten. Auch in Begegnungen mit anderen Menschen geschieht das. Wir sehen nicht nur den Menschen, der gerade vor uns steht, sondern begegnen ihm gleichzeitig mit unseren Vorstellungen, Erfahrungen, Erwartungen und Urteilen.

Unser Verstand ist ein wunderbares und unverzichtbares Werkzeug. Doch wenn wir versuchen, unser Leben ausschließlich über das Denken zu erfassen, kann etwas verloren gehen: der unmittelbare Kontakt mit dem, was gerade geschieht. Das Leben kann sich dann trotz all unserer Gedanken und Aktivitäten seltsam leer oder weit entfernt anfühlen.

Den Autopiloten verlassen

Das Entscheidende ist: Wir können in jedem Augenblick wieder zurückkehren. Manchmal braucht es dafür nur diesen einen Moment, in dem uns bewusst wird: Ah, ich bin gerade im Autopiloten.

Schon in diesem Erkennen geschieht etwas. Wir wachen auf. Plötzlich nehmen wir wieder wahr, was gerade da ist: einen Atemzug, eine Körperempfindung, einen Menschen, einen Klang oder unsere Umgebung. Wir müssen dafür nicht aufhören zu denken und auch keinen besonderen Zustand erreichen. Es geht vielmehr darum, wieder mitzubekommen, was wir gerade erleben.

Achtsamkeit heißt, wach zu werden für den Augenblick.

Was bedeutet es, wirklich präsent zu sein?

Das Leben lädt uns immer wieder dazu ein, in unmittelbaren Kontakt zu kommen. Unmittelbar bedeutet, dass wir nicht nur über etwas nachdenken, sondern uns von dem, was geschieht, berühren lassen – mit Interesse, Offenheit und möglichst ohne sofort zu bewerten.

Ein wichtiges Merkmal jeder echten Begegnung – sei es mit einem Menschen, einem Tier oder der Natur – ist für mich dieser Prozess des Sich-Einlassens. Er entsteht dort, wo wir präsent und offen sind und für einen Moment unsere Bemühungen beiseitestellen, alles verstehen, erklären oder in gut und schlecht einteilen zu wollen. Dann kann etwas entstehen, das sich nicht herstellen oder erzwingen lässt: ein Gefühl von Lebendigkeit und Verbundenheit.

Achtsamkeit lässt sich üben

Präsenz und Offenheit sind Qualitäten, die wir in der Achtsamkeitspraxis kultivieren können. Wir üben, Gedanken, Körperempfindungen, Gefühle oder Geräusche wahrzunehmen, ohne sie sofort verändern oder bewerten zu müssen.

In der Meditation geht es deshalb nicht darum, keine Gedanken mehr zu haben oder einen bestimmten Zustand zu erreichen. Es geht darum, wach zu sein für das, was jetzt gerade da ist – und diesem Augenblick mit einer freundlichen und annehmenden Haltung zu begegnen.

Mit der Zeit kann diese Art der Aufmerksamkeit auch ihren Weg in den Alltag finden: in ein Gespräch, einen Spaziergang, eine Mahlzeit oder einen ganz gewöhnlichen Moment zwischendurch.

Eine kleine Achtsamkeitsübung für deinen Alltag

Halte heute oder in den nächsten Tagen zwischendurch für einen Moment inne. Du musst dafür nichts Besonderes tun. Nimm einfach wahr, wo du gerade bist, und frage dich:

Bin ich gerade wirklich wach und präsent? Kann ich diesem Moment freundlich und möglichst unvoreingenommen begegnen?

Vielleicht erinnerst du dich auch an eine Begegnung, die dich tief berührt hat – mit einem Menschen, einem Tier oder in der Natur. Wo konntest du dich wirklich einlassen, ganz wach und offen, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen? Was war in diesem Augenblick anders? Und was kannst du jetzt in deinem Körper wahrnehmen, wenn du dich daran erinnerst?

Achtsamkeit kennenlernen und vertiefen

Achtsamkeit ist weniger etwas, das wir verstehen müssen, als etwas, das wir erfahren und üben können.

Wenn du neugierig geworden bist und ausprobieren möchtest, wie Achtsamkeit dir helfen kann, im Alltag bewusster mit Stress und Belastungen umzugehen, bietet MACH MAL PAUSE – ein Kennenlernabend zur achtsamen Stressbewältigung“ einen unkomplizierten Einstieg.

Wenn du Achtsamkeit intensiver und über einen längeren Zeitraum üben möchtest, findest du außerdem Informationen zu meinem MBSR-Kurs in Konstanz.

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